Unter
dem Joch der Gesellschaft
Theatergruppe Schmiere glänzt mit betroffen machender, sozialkritischer
Szenenfolge
Babenhausen (fs)
"Ja der
Große trägt die Ehre und der Kleine trägt das Joch."
Wie ein roter Faden zog sich dieses Thema durch die gleichnamige Szenenfolge,
bei der die Babenhauser Theatergruppe "Schmiere" sich mit den
Problemen Menschen zweiter Klasse auseinandersetzt. Ob Hure, bunte Witwe
Behinderte oder sexuell Geknechtete, aber auch Hexenwahn und geheime Wünsche
- die Farbe schwarz als Synonym für Finsternis, Einsamkeit und Not
dominierte bei dieser sozialkritischen Betrachtung.
Nicht nur die in der frei nach Gerhard Polt geschaffenen Eröffnungsszene
sondern für den gesamten Theaterabend galt der Filmklassikertitel:
"Man spricht deutsch!" so wurden die Probleme der Menschen, die
auf der Schattenseite des Lebens stehen, gekonnt aufbereitet und gleichzeitig
den Besuchern ein Spiegel vorgehalten.
Man habe zwar, so die erste Szene, prinzipiell nichts gegen den "Krüppel",
jedoch wäre es oft besser, diese fielen den Mitmenschen nicht zur Last,
treibt man "mit den Deppen die Welt um" und hätte es das
alles "unter Hitler" nicht gegeben.
Bereits das überleitende Lied "Schwarz du bist meine Farbe"
machte den Inszenierungsbogen deutlich, nämlich die Finsternis, Einsamkeit
und Not der Menschen zweiter Klasse und deren oftmals damit verbundenen
Todessehnsucht.
Machenschaften der Seelenfänger
In "Heilsbringer"
wurden die Machenschaften dubioser Seelenfänger, die mit "Tabletten
der Erkenntnis" und blanker Gewalt ("...das Böse muß
raus") ihre Opfer gefügig machen, angeprangert. Anstatt der versprochenen
Befreiung und Glück zielen diese Sekten nur auf den Geldbeutel ihrer
"Neuen" und verbauen ihnen u.a. mit Gehirnwäsche den Weg
zum "Leben in Freiheit". In den anschließenden fünf
Kurzszenen kommen Außenseiter zu Wort. Die von allen verachtete Hure
("Die Männer gehen doch auf den Strich") wehrt sich ebenso
gegen die Vorurteile, wie die "bunte Witwe", die schnell zum Dorfgespräch
wird, weil sie nicht schwarz sondern "bunt trägt". Bloß
nicht aus der Reihe tanzen heißt es in "Mahlzeit", während
aufgrund bestehender Rollenklischees nicht die Bankräuber, sondern
der "Penner" abgeführt wird.
Während ein alter Mann mit junger Frau von Manneskraft und Stärke
zeugt, gilt im umgekehrten Fall die ältere Single mit jungem Lover
als "dia Sau". Behruhigend dann die überleitende Refrains,
wonach der Ober den Unter sticht, beziehungsweise der Kleine das Joch trägt,
doch am Ende für alle "nur sechs Bretter und ein Loch" bleiben.
Geheime (sexuelle) Wünsche bleiben in "Gedanken sind frei"
oftmals auf dem Altar der Konventionen ebenfalls liegen, wie ersatzlos gestrichene
"wegrationalisierte" Arbeitsplätze. Do degeneriert das Individuum,
das man wie ein "defektes Teil" austauscht, zu einer Nummer, die
man auf den "Abfallhaufen des Wachstumswahns und der Gier nach Geld"
wirft.
Heitere Aspekte einer düsteren Problematik werden bei der "manipulierten"
Untersuchung der Pflegebedürftigkeit der Oma angesprochen. Anstatt
die Blumen nach einem Lebensrückblick ins Grab zu werfen, landen diese
im Publikum.
Der "Schwarze Vogel" kreist nicht nur in der Szene "Das Opfer
durch die Kulissen. Die Betroffenheit der Besucher über das Mädchen,
das unter der sexuellen Ausbeutung ihres Vaters leidet und ihre einzige
Chance im Selbstmord sieht, war in der atemlosen Stille im Publikum spürbar.
Um Sex "zu Schleuderpreisen" mit Kindern und Jugendlichen, diesmal
an einem Strand in Thailand, dreht sich alles in der vorletzten Szene. Pascha-
und Machtgehabe verdeutlichen die Sklaventreibermentalität und unterstreichen
die Not der Opfer, die einfach "benutzt werden".
Schauspielerischer Höhepunkt ist sicher das Schlußbild, in der
der "Nachtvogel" schreit und damit die Ankunft eines Totgeborenen
untermalt. Ausdrucksstark "hängen" die Hexen und ihr Meister
in der Dekoration und vermitteln musikalisch die Sorgen, die die Bauernfamilie
in einer Welt von Aberglaube und Hexenwahn gefangen hällt.
Um all diesen Ausgrenzungen begegnen zu können gilt der letzte Satz
des Schlußliedes, nämlich "man braucht Menschen die etwas
riskieren".
Etwas riskiert haben die knapp 40 Akteure der Theatergruppe Schmiere bestimmt
unter der Regie von Anton Demmeler, der auch das Stück schrieb. Trotz
äußerst ungünstiger Rahmenbedingungen aufgrund des Theaterumbaus
schufen sie wieder ein Werk, das zum Nachdenken anregt, auch wenn die raschen
Szenenfolgen manchmal sehr sprunghaft erfolgen. Premierenpannen gab es kaum
zu erkennen oder wurden gekonnt überspielt, wie beispielsweise im Vorgespräch
bezüglich der Pflegebedürftigkeit oder bei zu spät einsetzender
Tanzmusik.
Unbestritzten bleiben die hohen schauspielerischen Fähigkeiten, aber
auch die Live-Musikalität, mit der Band und Solosänger, mit der
virtuosen Nicole Martin an der Spitze, bekannte Melodien von Simon &
Garfunkel, Lloyd Webber, Vaya con Dios oder Ludwig Hirsch umsetzen. Auf
alle Fälle gelang der "Schmiere" mit diesem Stück eines
ihrer Hauptanliegen überzeugend, nämlich die Leute zur Diskussion
über Schwachpunkte unserer Gesellschaft anzuregen.
Quelle: Illertisser Zeitung